Tod des Grossvaters

Ich verstehe, dass mich die Leute im Dorf für verrückt halten. Jemand, der einen so verlotterten Hof, auf dem zudem der Fluch eines scheusslichen Verbrechens lastet, übernehmen will, kann nicht bei Sinnen sein. Aber das kollektive Gedächtnis entfernt sich mit der Zeit immer weiter von der realen Vergangenheit und macht gemeinhin anerkannten Narrativen Platz. So erzählt man sich die Geschichte, des kaltblütigen Sohnes und seiner habgierigen Frau, die auf brutale Weise – so brutal, man darf es nicht einmal beschreiben – den Vater umgebracht hatten, um den Hof zu erben. 

Was die Leute nicht erzählen, aber sicher einmal gewusst haben mussten, ist dass er meine Eltern tyrannisiert hatte. Ich war damals noch zu jung, um auf eigenen Füssen zu stehen und drum wurde ich nach der Hinrichtung meiner Eltern verdingt, wie meine Geschwister auch. Aber ich war alt genug, um zu verstehen, dass der Grossvater meinen Eltern das Leben zur Hölle gemacht hatte. 

Er hatte den Hof noch in bestem Alter meinem Vater übergeben mit der Auflage, für ihn bis an sein Lebensende zu sorgen. Mein Vater musste ihm ein abgesetztes Stöckli errichten. Meine Mutter musste für ihn jeweils separat in seiner Küche kochte. Auch oblag es ihr, einmal in der Woche das Stöckli zu putzen. Und sie musste ihm aufwarten, wenn er einmal in der Woche seine Freunde zum Kartenspiel einlud. Obwohl er noch rüstig war, legte er auf dem Hof nicht mit Hand an, schliesslich wolle er seinen wohlverdienten Ruhestand geniessen. Wie wenn das Bewirtschaften des Hofes nicht schon genug Arbeit mit sich brachte, mussten meine Eltern also auch noch viel Kraft für die Versorgung des Grossvaters aufbringen. Ausser für den Kirchgang an Sonntagen blieb keine freie Minute. 

Als der Grossvater eines Tages tot aus der Jauchegrube gefischt wurde, schien die Zeit stillzustehen. Es schien, als würde die Geschichte gerade überlegen, wie es weitergehen soll. Es war viel Erleichterung spürbar. Erleichterung, dass der Terror ein Ende hatte. Aber gleichzeitig war da die dunkle Vorahnung, dass es schlimmer kommen wird. Ich glaube, wir hatten uns da alle gewünscht, dass die Entscheidung, wie die Geschichte weitergeht offenbleiben und die Zeit in dieser Starre verharren bliebe. 

Aber die Zeit nahm wieder in Fahrt auf und brachte den Arzt, den Gemeindepräsidenten, den Pfarrer und die Polizei auf den Hof. Der Tote wurde untersucht, Spuren wurden gesichert und wir wurden verhört. Am Ende des Tages wurden unsere Eltern von der Polizei abgeführt und wir wurden ins nahe Waisenheim gebracht.

Wir sollten unserer Eltern nur noch einmal am Tag, an dem ihr Urteil verkündet wurde, wiedersehen. Verschwommen mag ich mich an Sätze wie: «Kann nicht durch Ersticken in der Jauchegrube gestorben sein.» «War beliebt im Dorf und es gibt niemanden, der ihm übelwollte.» Dass man meine Mutter mehrfach habe sagen hören: «Wenn er doch nur die Treppe hinunterfallen und sich das Genick brechen würde.»

Meine Geschwister habe ich seither nicht wieder gesehen, da wir alle zu unterschiedlichen Familien verdingt wurden. Vielleicht zieht es das eine oder andere mit dem Bedürfnis herauszufinden, was damals genau geschah, auch eines Tages hierher zurück.


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