Killerbienen

Unser Tal hatte seit Generationen eine inniges Verhältnis zu Bienen. Der Vergleich hinkt zwar ein wenig, aber wenn jemand dabei an heilige Kühe denkt, ist das nicht ganz abwegig.

Der Grund, für dieses spezielle Verhältnis lieg daran, dass in unserem Tal aufgrund des einzigartigen Klimas auch eine einzigartige Flora gedeiht und der Honig den Bienen in diesem Umfeld sammeln, hat einen ganz charakteristischen Geschmack. Es gelang bisher nicht, diesen Geschmack durch das Mischen verschiedener Honigsorten zu erzielen. Unsere Talschaft hat aufgrund diese Honigs, der in die ganze Welt exportiert wurde immer Recht gut gelebt.

Bienen waren daher äusserst respektiert. Vereinzelt kam es zwar vor, dass jemand von einer Biene gestochen wurde, aber das wurde als notweniges Übel oder Nebenwirkung der Honigproduktion akzeptiert. Die Schuld trug dafür auch nie die Biene. Vielmehr musste sich der Betroffene anhören, dass er eben nicht vorsichtig genug gewesen war. An Todesfälle kann sich niemand erinnern.

Vor etwa zwanzig Jahren, als in anderen Erdteilen Geschichten von Killerbienen auftauchten, begann sich die Stimmung gegen die Bienen zu wenden. Es gab schon immer Leute, die etwas gegen Bienen hatten, aber die hatten kaum Gehör, da die Talschaft eben recht gut davon lebte. Mit den Killerbienennachrichten wurde das anders. Plötzlich hörte man regelmässig von Bienenstichopfern. Die Bienen seien aggressiver geworden, behaupteten die Bienenfeinde. Es gäbe nicht mehr Bienenstiche als früher, es würde nur häufiger davon geredet, behaupteten die anderen.

Vor allem, wenn Kinder betroffen waren, wurde besonders viel Lärm gemacht. Vereinzelt wurden Bienenstöcke mit Petrol übergossen und angezündet. In den seltenen Fällen, wo die Täter erwischt wurden, handelte es sich meist um Anwohner, die keine Bezug zur Honigproduktion hatten. Es gab regelmässig Vorstösse an der Gemeindeversammlung, die Imkerei im Tal zu verbieten, aber lange Zeit, gelang es die Killerbienenberichte als Unsinn abzutun.

Wirklich zu drehen begann der Wind, als ein Bienengegner zum Gemeindepräsidenten gewählt wurde. Das Fass zum Überlaufen brachte aber der Tod eines achtjährigen Mädchens, das von einer Biene gestochen wurde. Innerhalb zweier Tage waren eine präsidiale Verfügung unterschieben und alle Bienenstöcke verbrannt. Den Umstand, dass das Mädchen hyperalergisch gegen Bienengift war, wurde nicht mehr zur Kenntnis genommen, zu sehr war das Narrativ, die Killerbienen seien bis in Tal vorgedrungen, schon in den Köpfen verhaftet.

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