Geschichten, die Corona schreibt

Um mein Dilemma zu verstehen, muss man wissen, dass bei uns im öffentlichen Verkehr eine Maskentragpflicht herrscht. Als Pendler ist mir das natürlich bewusst. Ich trage in meiner Aktentasche auch immer einen gewissen Vorrat an Gesichtsmasken mit mir.

Gerade bin ich allerdings nicht zur Arbeit unterwegs, sondern bin mit einem alten Freund verabredet. Wir wollen bei ihm den Bundesligafinal schauen. Er wohnt in von meinem Arbeitsort entgegengesetzter Richtung der Stadt. Ich bin natürlich nicht im Anzug unterwegs und trage auch die Aktenmappe nicht mit mir. Nur eine Kühlbox mit Bierflaschen. Die üblichen Automatismen spielen also nicht und ich stehe ohne Gesichtsmaske an der Haltestelle der S-Bahn. Was ist zu tun?

Die korrekte Vorgehensweise würde wohl darin bestehen, die fünf Minuten zurück zu meiner Wohnung zu gehen, eine Gesichtsmaske aus meinem Vorrat zu holen, die S-Bahn eine halbe Stunde später zu besteigen, meinem Freund eine Textnachricht zu schicken und ihn zu informieren, dass ich später kommen und die ersten fünfzehn Minuten des Finals verpassen werde. 

Ich könnte mich auch ohne Maske in die S-Bahn setzen. Ausserhalb der Stosszeit wäre das Gesundheitsrisiko für mich und die anderen Fahrgäste tragbar, würden wir ja sowieso alle weit voneinander entfernt Platz finden. Das Risiko, kontrolliert und gebüsst zu werden, wäre in etwa so gross wie das Schwarzfahrrisiko. Die ächtenden Blicke meiner Mitreisenden würde ich allerdings während den rund zwanzig Minuten Fahrt ertragen müssen. 

Eine dritte Option tut sich beim Blick in den nächsten Abfalleimer auf. Dort liegt eine Vielzahl gebrauchter Masken. Ich könnte mir also die am wenigsten schmutzig scheinende Maske herausfischen und diese verwenden. An der Haltestelle Wartende würden mich wohl oder übel mit Ekel erregtem Ausdruck mustern, aber nach der zweiten oder dritten Haltestelle wäre die Mehrheit ausgestiegen und die meisten würden sich sowieso angewidert oder aus Angst einer Infizierung weit von mir platzieren. Natürlich setze ich mich damit dem Risiko aus, eine kontaminierte Maske zu erwischen, mich mit Corona-Viren zu infizieren und diese dann am Montag im Büro zu verbreiten, was natürlich nicht im Sinne des Erfinders der Maskentragpflicht ist. Aber dieses Risiko scheint mir auch nicht allzu hoch, haben doch die wenigsten Passagiere im öffentlichen Verkehr Corona, gerade weil sie ja eine Maske tragen. Ich angle mir also so unauffällig wie mögliche eine der Masken aus dem Eimer und betrete, im Wissen, die richtige Lösung für mein Dilemma gefunden zu haben, die S-Bahn.

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