Altpapiersammlung

Für unsere Jugendgruppe waren die Einnahmen aus der jährlichen Altpapiersammlung  die Haupteinnahmequelle noch vor dem Beitrag der Gemeinde, der allen Vereinen zustand. Altpapiersammlungen fanden drei Mal im Jahr jeweils an einem Samstag statt und unserer Jugendgruppe stand der Termin im Frühjahr zu, welches in der Regel der ergiebigste Termin des Jahres war.
An diesen Samstagen trafen wir uns immer Punkt neun Uhr vor unserem Gruppenlokal, wer zu spät kam, würde für das Grillfest im Sommer einen Kasten Bier beisteuern müssen. Über die Jahre hatten wir uns auch gute Beziehungen zu lokalen Handwerksbetrieben aufgebaut, welche uns unentgeltlich einen ihrer Lieferwagen zu Verfügung stellten. Nach einem kurzen Begrüssungsritual, teilten wir uns auf die Ladeflächen dieser Lieferwagen auf und die Fahrer teilen das Gemeindegebiet unter sich auf.
Die Fahrer fuhren ihr Gebiet dann mehr oder weniger systematisch ab. Bei jedem Papierhaufen entlang der Strecke wurde kurz angehalten, einer oder mehrere von uns – abhängig von der Grösse des Papierhaufens – sprangen von der Ladefläche, hoben ein Papierbündel nach dem anderen auf und warfen es auf die Ladefläche. Wenn die Ladefläche voll war, fuhren wir zum Güterbahnhof, wo wir die Papierbündel von der Ladefläche in einen Eisenbahnwagen warfen. Und dann ging’s wieder zurück in die Wohnquartiere von einem Haufen zum nächsten.
Ich mochte diese Papiersammlungsaktionen. Es war cool auf der offenen Ladefläche durch die Wohngebiete zu fahren und es machte Spass einmal einen Tag lang eine körperliche Arbeit zu verrichten. Nur Regen konnte diesen Spass mindern. Papiersammeln bedeutete aber immer auch Hoffnung auf einen Blick in die aufregende Welt der Pornographie. Pornographische Hefte waren rar in der ganzen Papierflut und zudem waren sie meist sorgsam zwischen den normalen, unbedenklichen Druckerzeugnissen versteckt. Es benötigte also einigen Glücks, um sie zu finden.
Kamen dann überraschend Pornohefte zum Vorschein, wurden sie mehr oder weniger verstohlen studiert. Wir wagten kaum offen, das Gesehene zu kommentieren. Als Dario bei einer Abbildung einer grossbusigen Blondine in schenkelhohen Stiefeln ausrief: „Die sieht aus wie meine Mutter!“ traf uns dies auch wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Augenblicklich richteten sich alle Augen auf ihn. Er wurde knallrot im Gesicht und erklärte uns umständlich, wie er schon seine Eltern beim Sex beobachtet hätte und dass seine Mutter dabei auch solche hohen Stiefel getragen habe.
Seit diesem Tag sah ich – wohl wir alle –  Darios Mutter in einem anderen Licht. Sei es bei den Schulbesuchen, sei es im Einkaufszentrum, immer wenn ich sie sah, stellte ich mir sie nackt in schwarzen schenkelhohen Stiefeln vor. Und bis heute begegnet mir Darios Mutter gelegentlich in meinen Träumen.

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