Am Arsch

September 1st, 2018

Ich habe mich entschieden, mir den Arsch wieder selber zu wischen. Theoretisch kann ich der Ökonomik des Arschwischen selbstverständlich folgen. Es macht Sinn, dass ich mich auf meine Kernkompetenzen konzentriere und alle anderen Aufgaben delegiere. Die Wertschöpfung, die ich generiere während ich an einem neuen Produktdesign brüte, ist ohne Frage höher, als wenn ich meinen eigenen Arsch wische. Nicht jeder verfügt über meine Kreativität, während jeder Ärsche wischen kann. So müsste ich auch beim Scheissen mit meiner Tätigkeit genügend Wert schöpfen, um mir mein Geld zu verdienen und daneben auch noch einem Arschwischer, der sonst keine Chance auf ein Auskommen hat, einen Job zu sichern.

Diese ökonomische Argumentation hatte mich dazu bewogen, mit der Zeit zu gehen und meine Lebensgewohnheiten entsprechend zu adaptieren. Praktisch haben sich die Vorteile für mich aber als illusorisch erwiesen. Einerseits konnte ich mich während dem Scheissen nicht auf die Arbeit konzentrieren. Wie soll man kreative Ideen wälzen, wenn man weiss, dass unter einem jemand darauf wartet, dass ein nächster Stulabgang stattfindet, um einem sofort den Arsch wieder sauber zu wischen. Auch der Gedanke an den Konstruktionsaufwand, den es braucht, damit unter der Toilette Raum bleibt, wo sich jemand aufhalten und bewegen kann. Oder die komplizierte Anordnung von Kameras, die nötig ist, damit der Arschwischer auch genau sieht, ob er alles erwischt hat, empfand ich zunehmend als bizarr.

Zum alten System zurückzukehren, war nicht ganz einfach. Klassische, alte Toilettenschüsseln liessen sich kaum mehr finden. Die nötigen Wasser- und Abwasseranschlüsse anzubringen, erforderte erheblichen Spezialaufwand und kostete ein Vermögen. Das gute alte Toilettenpapier muss ich mir aus dem Ausland liefern lassen und meine Freunde betrachten mich kopfschüttelnd als nostalgische Spinner. Das ist mir zwar nicht ganz egal, aber dafür fühle ich mich wieder als Mensch. Unbeobachtet scheissen zu können, ist ein Privileg, das ich schätzen gelernt habe.

Am Check-Out

August 5th, 2018

Eigentlich weiss Andreas, was als nächstes passieren wird, als er mit seinem Bierkarton am Check-Out steht und seinen Unterarm an den Scanner hält. Trotzdem ist er irgendwie überrascht, als der Automat ihn anspricht mit: «Wir können Ihnen das Bier leider nicht verkaufen. Die Therapie Ihrer Alkoholprobleme ist noch nicht abgeschlossen.» «Aber das Bier ist nicht für mich bestimmt, ich habe Freunde zum Grillen eingeladen.» Versucht sich Andreas zu rechtfertigen. Sein Verdacht, dies könnte nicht funktionieren, ist nicht unbegründet, denn er bekommt zur Antwort: «Das ist wenig plausibel. Ihre engsten Freunde weilen noch im Urlaub. Bitte bringen Sie das Bier ins Regal zurück.» Andreas weiss, dass was er als nächstes tut, wenig Sinn macht. Nimmt das Bier, faucht den Automaten an: «Leck mich!» und geht Richtung Ausgang. Der Check-Out-Automat beginnt mit seiner Warnlampe zu blinken, gibt einen Pfeifton von sich und am Ausgang tritt ein Wachmann auf Andreas zu und fordert höflich, aber bestimmt: «Würden Sie mir bitte in unser Büro folgen?»

Ich werde Lehrer

July 29th, 2018

Warum ich in den Lehrerberuf wechseln will? Das ist einfach! Als ich damals zur Schule ging, wurden wir danach beurteilt, ob Aufgaben richtig und Lösungswege korrekt waren. Ein zufällig richtiges Resultat war nicht akzeptabel. Darauf vertrauend, dass im richtigen Leben die gleichen Massstäbe gelten würden, glaubte ich mich gut fürs Leben gerüstet.

Dem war natürlich nicht so. Der Versuch, eine richtige Lösung im richtigen Leben zu finden, zahlt sich nicht aus. Was richtig oder falsch ist, ist im richtigen Leben schon mal gar nicht so einfach zu eruieren. Und während man sich die Zeit nimmt, der richtigen Lösung nachzuspüren, haben Kollegen bereits die wildesten Lösungsvorschläge auf den Tisch gelegt. Dass diese nicht richtig sein können, ist im richtigen Leben gar nicht so einfach zu beweisen. Um Richtigkeit im richtigen Leben zu beweisen, müssen für die Ausarbeitung der Lösungen in der Regel Annahmen getroffen werden. Aber durch das Infragestellen der Annahmen, lässt sich jede Richtigkeit relativieren. Damit gewinnt im richtigen Leben meist nicht die richtige Lösung, sondern die am überzeugendsten vorgetragene (oder manchmal auch die am lautesten vorgetragene oder die verlockendste) Variante.

Dass richtige Lösungen im richtigen Leben wenig Chancen haben, bedeutet aber nicht, dass Lösungen nicht falsch sein können. Häufig lässt sich die Falschheit der überzeugendsten Lösung erst im Nachhinein (oft sehr spät und manchmal zu spät) erkennen. Und dann beginnt meist das grosse Aufräumen. Während man die Trümmer der falschen Lösungsansätze aufräumt, sind die Kollegen bereits daran ihre nächste überzeugenden Lösungsidee an den Mann zu bringen. Und dass richtige Lösungen im richtigen Leben wenig Chancen haben, bedeutet auch nicht, dass man mit einer falschen Lösung notwendigerweise mehr Chancen hat. Fakt ist, dass einer richtigen unzählige falsche Lösungen gegenüberstehen. Die Idee zu einer falschen Lösung ist also noch nichts Herausragendes. Was es braucht, um die Lösung ans Publikum zu bringen, ist deren verlockende, überzeugende und manchmal laute Promotion.

Ich will Lehrer werden, um die nächste Generation von der Illusion zu befreien, dass es im richtigen Leben drauf ankommt, zu versuchen, seine Aufgaben richtig zu lösen. Um das entsprechend einzuimpfen, werde ich auch die Bewertung von Übungen und Prüfungen anpassen. Wer mir ein richtiges Resultat mit richtigem Lösungsweg abliefert bekommt eine Zwei. Wer mir aber überzeugend darlegen kann, warum die Winkelsumme in einem flachen Dreieck nicht 360 sondern 365 Grad ist, wer mir überzeugend darlegen kann, warum die Erde eben doch flach ist, wer mir überzeugend darlegen kann, warum Farbige trotz minimaler genetischer Unterschiede keine Menschen sind, der kriegt eine Eins. Denn nur wer alternative Fakten am plausibelsten erscheinen lassen kann, wird im richtigen Leben eine Chance haben.