Archive for the ‘Deutsch’ Category

Tod des Grossvaters

Saturday, September 11th, 2021

Ich verstehe, dass mich die Leute im Dorf für verrückt halten. Jemand, der einen so verlotterten Hof, auf dem zudem der Fluch eines scheusslichen Verbrechens lastet, übernehmen will, kann nicht bei Sinnen sein. Aber das kollektive Gedächtnis entfernt sich mit der Zeit immer weiter von der realen Vergangenheit und macht gemeinhin anerkannten Narrativen Platz. So erzählt man sich die Geschichte, des kaltblütigen Sohnes und seiner habgierigen Frau, die auf brutale Weise – so brutal, man darf es nicht einmal beschreiben – den Vater umgebracht hatten, um den Hof zu erben. 

Was die Leute nicht erzählen, aber sicher einmal gewusst haben mussten, ist dass er meine Eltern tyrannisiert hatte. Ich war damals noch zu jung, um auf eigenen Füssen zu stehen und drum wurde ich nach der Hinrichtung meiner Eltern verdingt, wie meine Geschwister auch. Aber ich war alt genug, um zu verstehen, dass der Grossvater meinen Eltern das Leben zur Hölle gemacht hatte. 

Er hatte den Hof noch in bestem Alter meinem Vater übergeben mit der Auflage, für ihn bis an sein Lebensende zu sorgen. Mein Vater musste ihm ein abgesetztes Stöckli errichten. Meine Mutter musste für ihn jeweils separat in seiner Küche kochte. Auch oblag es ihr, einmal in der Woche das Stöckli zu putzen. Und sie musste ihm aufwarten, wenn er einmal in der Woche seine Freunde zum Kartenspiel einlud. Obwohl er noch rüstig war, legte er auf dem Hof nicht mit Hand an, schliesslich wolle er seinen wohlverdienten Ruhestand geniessen. Wie wenn das Bewirtschaften des Hofes nicht schon genug Arbeit mit sich brachte, mussten meine Eltern also auch noch viel Kraft für die Versorgung des Grossvaters aufbringen. Ausser für den Kirchgang an Sonntagen blieb keine freie Minute. 

Als der Grossvater eines Tages tot aus der Jauchegrube gefischt wurde, schien die Zeit stillzustehen. Es schien, als würde die Geschichte gerade überlegen, wie es weitergehen soll. Es war viel Erleichterung spürbar. Erleichterung, dass der Terror ein Ende hatte. Aber gleichzeitig war da die dunkle Vorahnung, dass es schlimmer kommen wird. Ich glaube, wir hatten uns da alle gewünscht, dass die Entscheidung, wie die Geschichte weitergeht offenbleiben und die Zeit in dieser Starre verharren bliebe. 

Aber die Zeit nahm wieder in Fahrt auf und brachte den Arzt, den Gemeindepräsidenten, den Pfarrer und die Polizei auf den Hof. Der Tote wurde untersucht, Spuren wurden gesichert und wir wurden verhört. Am Ende des Tages wurden unsere Eltern von der Polizei abgeführt und wir wurden ins nahe Waisenheim gebracht.

Wir sollten unserer Eltern nur noch einmal am Tag, an dem ihr Urteil verkündet wurde, wiedersehen. Verschwommen mag ich mich an Sätze wie: «Kann nicht durch Ersticken in der Jauchegrube gestorben sein.» «War beliebt im Dorf und es gibt niemanden, der ihm übelwollte.» Dass man meine Mutter mehrfach habe sagen hören: «Wenn er doch nur die Treppe hinunterfallen und sich das Genick brechen würde.»

Meine Geschwister habe ich seither nicht wieder gesehen, da wir alle zu unterschiedlichen Familien verdingt wurden. Vielleicht zieht es das eine oder andere mit dem Bedürfnis herauszufinden, was damals genau geschah, auch eines Tages hierher zurück.

Die Neophyten

Sunday, August 29th, 2021

Ich war eigentlich nie ein Freund von Naturfreunden. Mit diesem Getue um Bachputzete und Waldbereisungen konnte ich nichts anfangen. Aber Neophytenjagden finde ich geil! Dazu gestossen bin ich zufällig. Ein Freund hatte mich auf einen Aufruf in der Lokalpresse aufmerksam gemacht. Dieser lautete: «Helfen Sie uns, unsere Heimat zu bewahren». Und es wurde ausgeführt, dass sich einige der eingeschleppten Pflanzen aggressiv ausbreiten und einheimische Arten bedrohen. Dass das Aufspüren und Entfernen dieser Eindringlinge arbeitsintensiv sei und man daher unbedingt auf die Hilfe von freiwilligen Helfern aus der Bevölkerung angewiesen sei. Das sprach uns an. 

Man traf sich am letzten Samstagnachmittag vor dem Gemeindehaus, wo uns der Leiter des Werkdienstes empfing. Nach einer kurzen Begrüssung ging er nochmals ausführlich darauf ein, warum es wichtig sei, diese fremden Pflanzen auszumerzen. Durch deren Ausbreitung würden sie einheimische Kulturen verdrängen, wodurch ein ganzes lokales Ökosystem durcheinandergeraten könne. Er stellte uns die schädlichsten dieser Eindringlinge vor, erklärte deren Hauptmerkmale und gab uns auch Profilkärtchen ab, wo die Pflanzen in verschiedenen Entwicklungsstadien abgebildet waren. Wir erhielten auch Kärtchen, für ähnlich aussehende heimische Pflanzen, damit wir nicht im Übermut auch die einheimische Flora ausrotteten, wie er mit einem Schmunzeln meinte. Danach erhielten wir alle einen Kerichtsack, um die Pflanzen einzusammeln und es wurden uns Sektoren des Gemeindegebiets zugeteilt. Zum Schluss rief er uns in Erinnerung, dass wir nur auf gemeindeeigenen Grundstücken – diese seien auf unserem Sektorplan klar gekennzeichnet – Pflanzen ausreisen dürfen. Die Vernichtung von Neophyten auf Privatgrundstücken sei Sache der Eigentümer. 

Und los ging’s. Anfänglich war es gar nicht so einfach, die Pflanzen eindeutig zu identifizieren und wir mussten oft unsere Steckbriefe – wie wir die Profilkarten nannten – zu Hilfe nehmen. Mit der Zeit aber bekamen wir Übung in der Sache und konnte recht schnell anhand der Blüten, Blätter oder Stämme treffsicher zwischen fremden und einheimischen Pflanzen unterscheiden. Auf Gemeindegebiet selbst fanden wir gar nicht so viele Pflanzen. Nach etwa zwei Stunden waren unsere Kerichtsäcke nur halb voll. Hätten wir auch die Eindringlinge aus Gärten entfernt, wären unsere Säcke wohl schon voll gewesen. Immer wieder trafen wir auf Gärten, wo die Fremdlinge ungestört gedeihen konnten. Ein bisschen begannen wir uns zu fragen, ob es Sinn macht, das Gemeindegebiet zu säubern, wenn Private nichts dagegen tun. Ich finde, wer in seinem Garten diese Invasoren duldet, sollte sich nicht auf seine privaten Rechte berufen können. Ohne Pflichten keine Rechte könnte man sagen. Wir nahmen uns vor, das bei einer nächsten Aktion einzuwenden. 

Treffpunkt nach dieser Säuberungsaktion waren die grossen Familienfeuerstellen am Waldrand. Als wir ankamen brannten da schon drei grosse Feuer. Der Inhalt unserer Kerichtsäcke wurde in eines der Feuer gekippt, um die Invasoren endgültig unschädlich zu machen. Alle Teilnehmer wurde auf Gemeindekosten mit Brot und Wurst vom Grill und mit Bier oder Mineralwasser für den Einsatz belohnt. Einige der führen Rückkehrer, die schon mehrere Biere gekippt hatten, begannen dann mit grossem Geheul um die Feuer zu tanzen und zu rufen: «Tod den Neophyten! Tod en Neophyten!» Wir alle verspürten einen ungemeinen Stolz, gemeinsame etwas für unsere heimischen Natur getan zu haben und so wurde das Ganze ein gelungener Anlass. Mein Freund und ich nahmen uns vor, nach Aufrufen zu Neophytenjagden in der Umgebung Ausschau zu halten.

Tod der Familie!

Saturday, July 31st, 2021

Ich habe von einer besseren Welt geträumt. Begonnen hat mein Traum allerdings eher wie ein Albtraum. Ich habe eine dieser deprimierenden Studien gelesen – oder wurde sie präsentiert, – die einem vor Augen führen, dass von Chancengleichheit noch immer keine Rede sein kann. 

An eine feurige Diskussion mag ich mich erinnern. Wohl wurde die Studie also doch eher einer Gruppe, von der ich Teil war, präsentiert. Empörte Ausrufe folgten der Präsentation: «Was haben wir nicht schon alles versucht?!» «Allen Schülern haben wir kostenlose Lernhilfen zur Seite gestellt.» «Studiengebühren haben wir abgeschafft!» «Alles ohne Erfolg!» Noch immer schafft es nur ein Bruchteil aller Kinder, deren Eltern nicht schon Akademiker sind, zu einen Uniabschluss.

Eine Stimme mit viel Gehalt an natürlicher Autorität brachte den Aufruhr zum Verstummen. «Diese Studien lassen nur einen Schluss zu», folgerte die Stimme. «Dass nämlich die grösste Hürde beim sozialen Aufstieg, die Familie ist. Eltern, die den Aufstieg nicht geschafft haben, könne oder wollen offenbar Ihren Kindern nicht die nötige Motivation vermitteln, die es braucht, bis zum Studienabschluss durchzuhalten.» 

«Wir können so weitermachen», fuhr die die Stimme ironisch fort. «Und können als nächstes versuchen, direkter auf die Eltern einzuwirken. Versuchen sie im Rahmen von Elternabenden oder an speziellen Veranstaltungen von der Wichtigkeit, ihren Kindern eine Perspektive zu geben, zu überzeugen. Wenn man aber weiss, wie viele Eltern generell Informationsveranstaltungen an Schulen fernbleiben, sind Zweifel, ob der Ansatz funktionieren wird, mehr als angebracht.»

«Nein! Wir dürfen nicht länger zulassen, dass Eltern die Zukunft Ihrer Kinder durch Gleichgültigkeit ruinieren! Nur wenn wir Eltern gänzlich die Erziehung entziehen und in staatliche Obhut geben, werden wir dieser Benachteiligung Herr werden. So können wir verhindern, dass unterbelichtete Eltern das Potenzial ihrer Kinder nicht erkennen. Gleichzeitig verhindern wir, dass begüterte Eltern ihrem unterbelichteten Nachwuchs einen unfairen Vorteil verschaffen!» 

Das Ende des Traumes war eher diffus. Ich erinnere mich, dass die Begeisterung für diesen Vorschlag riesig war. Es gab sogar feurige Voten, die gar verlangten, noch weiterzugehen und die Fortpflanzung in staatliche Hände zu legen. Ob etwas von den Forderungen umgesetzt wurde, liess der Traum offen oder entzieht sich meiner Erinnerung. Es scheint mir jetzt auch gar nicht mehr klar, ob wir da als Gremium, das solche Ideen umsetzen könnte, zusammenkamen oder ob wir bloss Teil einer politischen Versammlung waren. Aber das spielt eigentlich gar keine Rolle. Die Forderung scheint mir auch so überzeugend genug, um sie mir auf die Fahne zu schreiben.