Archive for the ‘Deutsch’ Category

Die Schwefelgasblase

Saturday, December 1st, 2018

Ich bin eine Schwefelgasblase, tief im Ozean von einem Vulkan geboren.
Anfänglich ganz klein und von sicherer Dunkelheit umgeben.
Mache mich von da langsam auf meinen Lebensweg.
Wie ich älter werde, wachse ich und steige langsam aus der Dunkelheit auf.
Steige weiter ohne mir dabei viel Gedanken zu machen.
Es treibt mich ein bisschen links bisschen rechts, aber immer nach oben.
Um mich wird immer heller und es wächst die grelle Gewissheit,
dass ich immer höher steigen und endlich an der Oberfläche zerplatzen werde.

Desaster auf Planet Kolor

Saturday, October 6th, 2018

Seit man sich erinnern kann, existierten auf Planet Kolor Rot, Gelb und Blau. Sie bewohnten unterschiedliche Regionen des Planeten und waren stolz auf ihre jeweiligen Eigenheiten. Rot war stolz darauf, dass seine Farbe morgens und abends als Morgenrot und Abendrot eine magische Stimmung verbreitete. Gelb identifizierte sich stark mit der goldenen Strahlkraft der Sonne, die jeden Tag so hell ausleuchtet. Und das Bewusstsein von Blau wurde dadurch gestärkt, dass seine Farbe den ganzen Himmel überspannte.

Es kam selten vor, dass sich Partikel aus Blau in Rot oder Gelb finden liessen. Meist wurden sie durch seltsame Umstände oder übermässige Neugier in die Fremde verfrachtet. In der Regel wurde den Fremdlingen mit einiger Skepsis begegnet. Aber es schwang immer auch eine gute Portion Neugier mit. «Sind wirklich alle in Blau so blau wie der Himmel?» Stolz begannen die Partikel aus Blau dann zu erzählen, dass dem natürlich nicht so sei. So wie das Blau des Himmels alle möglichen Nuancen von blau aufweisen könne, so treffe man in Blau Partikel von fast weissem, hellem blau bis zu Partikeln von fast schwarzem dunkelblau an. Was im Allgemeinen am Meisten staunen verursachte, war die Tatsache, dass Partikel in Rot, Gelb oder Blau immer schneeweiss zur Welt kamen.

Die Faszination war meist gegenseitig. Wenn man in Blau gross geworden war, dann war es natürlich faszinierend, dass in Gelb vieles ähnlich und doch so vieles anders war. Manchmal gefiel es den Fremdlingen gut und sie blieben, viele vermissten ihre Heimat und es zog sie zu ihrer angestammten Farbe zurück. Daheim erzählten die Rückkehrer natürlich davon wie es in der Fremde war. Gelbe Rückkehrer schwärmten vom Rot der Tomaten oder von dem blauen Zwetschgen. Und rote und blaue Rückkehrer lobten die goldgelbe Farbe und den herben Geschmack von Bier oder sprachen fasziniert von der fraktalen Geometrie des Blumenkohls. Solche Berichte fielen bei den Abenteuerlustigen auf fruchtbaren Boden. Vor allem Partikel die sich in ihrer eigenen Farbe nicht wohl fühlten zog es weg.

So kam es, dass mit der Zeit sich immer mehr rote und gelbe Partikel in Blau mischten und immer mehr blaue und gelbe Partikel in Rot. Rote Partikel begann Tomaten nach Gelb und Blau zu importieren, so wie gelbe begann in ihrer neuen Heimat Bier zu brauen. Je mehr rote Partikel sich aber in Blau fanden, umso weniger interessant war Rot für Blau. Man hatte Rot ja schon alles gefragt darüber, wie es sich in Rot lebte. Und auch Tomaten waren nichts Neues mehr. Vielleicht begannen rote Partikel auch vermehrt von sich aus über die Vorzüge von Rot zu sprechen. Gelb begann unter dem zunehmenden Einfluss von Rot und Blau um seine Identität zu fürchten. Es kam die Angst auf, Rotwein könnte Bier verdrängen oder Zwetschgen die Pflaumen.

Anfänglich wurden diese Bedenken vereinzelt und im privaten geäussert. Meist waren sie in sporadisch negativen persönlichen Erfahrungen mit andersfarbigen Partikeln begründet. Etwa wenn ein blaues Partikel ein fast weisses gelbes Partikel als farblos beschimpfte. Oder wenn sich ein rotes Partikel herablassend über Sonnenblumen als ordinäre Blumen äusserten. Aber es brauchte einen charismatischen neuen Führer, um dem Ganzen richtig Dynamik zu verleihen. Erst als der neue Führer aufstand und seine Farbgenossen aufrief, sich bewusst zu werden, dass mit der Zeit das ganze Farbgemisch zu einer einzigen hässlichen braunen Brühe verkommen werde, entstand aus dem individuellen Unbehagen eine Massenbewegung. Und so begann die braune Brühe die politische Agenda zu bestimmen.

Aufenthaltsrechte andersfarbiger Partikel wurden eingeschränkt. Es durften keine andersfarbigen Produkte mehr importiert oder produziert werden. Andersfarbigen Partikeln wurden nahegelegt, zu ihrer Ursprungsfarbe zurückzukehren. Und damit diejenigen, die nicht gingen, sich nicht mit der Landesfarbe mischen konnten, durften sie sich nur noch in speziell dafür ausgeschiedenen Gebieten aufhalten. Der offensichtliche Erfolg dieser braunen Politik in Gelb blieb in Rot und Blau nicht unbemerkt. Und so begann die braune Politik ihren Siegeszug auf Planet Kolor.

Am Arsch

Saturday, September 1st, 2018

Ich habe mich entschieden, mir den Arsch wieder selber zu wischen. Theoretisch kann ich der Ökonomik des Arschwischen selbstverständlich folgen. Es macht Sinn, dass ich mich auf meine Kernkompetenzen konzentriere und alle anderen Aufgaben delegiere. Die Wertschöpfung, die ich generiere während ich an einem neuen Produktdesign brüte, ist ohne Frage höher, als wenn ich meinen eigenen Arsch wische. Nicht jeder verfügt über meine Kreativität, während jeder Ärsche wischen kann. So müsste ich auch beim Scheissen mit meiner Tätigkeit genügend Wert schöpfen, um mir mein Geld zu verdienen und daneben auch noch einem Arschwischer, der sonst keine Chance auf ein Auskommen hat, einen Job zu sichern.

Diese ökonomische Argumentation hatte mich dazu bewogen, mit der Zeit zu gehen und meine Lebensgewohnheiten entsprechend zu adaptieren. Praktisch haben sich die Vorteile für mich aber als illusorisch erwiesen. Einerseits konnte ich mich während dem Scheissen nicht auf die Arbeit konzentrieren. Wie soll man kreative Ideen wälzen, wenn man weiss, dass unter einem jemand darauf wartet, dass ein nächster Stulabgang stattfindet, um einem sofort den Arsch wieder sauber zu wischen. Auch der Gedanke an den Konstruktionsaufwand, den es braucht, damit unter der Toilette Raum bleibt, wo sich jemand aufhalten und bewegen kann. Oder die komplizierte Anordnung von Kameras, die nötig ist, damit der Arschwischer auch genau sieht, ob er alles erwischt hat, empfand ich zunehmend als bizarr.

Zum alten System zurückzukehren, war nicht ganz einfach. Klassische, alte Toilettenschüsseln liessen sich kaum mehr finden. Die nötigen Wasser- und Abwasseranschlüsse anzubringen, erforderte erheblichen Spezialaufwand und kostete ein Vermögen. Das gute alte Toilettenpapier muss ich mir aus dem Ausland liefern lassen und meine Freunde betrachten mich kopfschüttelnd als nostalgische Spinner. Das ist mir zwar nicht ganz egal, aber dafür fühle ich mich wieder als Mensch. Unbeobachtet scheissen zu können, ist ein Privileg, das ich schätzen gelernt habe.