Archive for 2021

Die Metamorphose

Saturday, October 30th, 2021

Wir waren alle hell begeistert von Adrians Wandel. Bis da war er hauptsächlich durch abschätzige Bemerkungen zu Diversity-Initiativen von Konkurrenten aufgefallen. Wann immer das Thema zu Sprache kam, blockte er mit: «Ich will mir doch nicht vorschreiben lassen, wie ich meine Belegschaft zusammenstelle!» Ganz allgemein zeichnete er sich nicht durch Offenheit gegenüber neuen Ideen aus. So findet er die Forderung nach einem Vaterschaftsurlaub totalen Schwachsinn und wer nicht wisse, ob er Frau oder Mann sei, erachtete er als krank. Aber auch Vorschläge, firmeninterne Abläufe zu verbessern, stossen auf wenig Verständnis. Wer hier die Firma führe, bekamen wir in der Regel zu hören. 

Wir glaubten uns auf einem fremden Planeten, als er an einer monatlichen Firmenversammlungen ankündigte, ein Diversity-Programm zu lancieren. Als Sofortmassnahme liess er einige der Männertoiletten in geschlechtsneutrale Toiletten umfunktionieren. Er verfügte auch, dass das Personalbüro bei Stellenausschreibungen ausdrücklich darauf hinweisen muss, dass Lebensläufe ohne Geschlechts– oder Altersangaben und ohne Foto eingereicht werden müssen. Vor versammelter Belegschaft erklärte Adrian, er gestehen ein, einen Fehler gemacht zu haben, indem er sich zu lange gegen den Strom der Zeit gestellt habe. 

Offensichtlich gibt es nur einen bewohnbaren Planeten. Als Freddy, einer unserer Lieferwagenfahrer, seitwärts anstatt rückwärts an die Rampe fuhr, musste er sich was anhören. Obwohl das Laden von der Seite einfacher ist, lässt Adrian dies nicht zu, weil die Auspuffgase schwarze Flecken an der Wand hinterlassen. Er blockte auch bei den schallschluckenden Wänden, die Lisa, unsere Office-Managerin, zur Dämpfung des Lärmpegels zwischen den Büroarbeitsplätzten einrichten wollte. Dies schade der firmeninternen Kommunikation. Mit anderen Worten dauerte es etwas, bis uns dämmerte was die wahre Motivation hinter Adrians Wandel sein könnte. Als ihm Lisa anlässlich einer Diskussion um das getrennte Sammeln von Abfällen vorwarf, er sei nicht offen für Neues, gab er zur Antwort, er denke, dass die Einführung des Diversity-Programms wohl Beweis genug dafür sei, dass er offen sei. 

Tod des Grossvaters

Saturday, September 11th, 2021

Ich verstehe, dass mich die Leute im Dorf für verrückt halten. Jemand, der einen so verlotterten Hof, auf dem zudem der Fluch eines scheusslichen Verbrechens lastet, übernehmen will, kann nicht bei Sinnen sein. Aber das kollektive Gedächtnis entfernt sich mit der Zeit immer weiter von der realen Vergangenheit und macht gemeinhin anerkannten Narrativen Platz. So erzählt man sich die Geschichte, des kaltblütigen Sohnes und seiner habgierigen Frau, die auf brutale Weise – so brutal, man darf es nicht einmal beschreiben – den Vater umgebracht hatten, um den Hof zu erben. 

Was die Leute nicht erzählen, aber sicher einmal gewusst haben mussten, ist dass er meine Eltern tyrannisiert hatte. Ich war damals noch zu jung, um auf eigenen Füssen zu stehen und drum wurde ich nach der Hinrichtung meiner Eltern verdingt, wie meine Geschwister auch. Aber ich war alt genug, um zu verstehen, dass der Grossvater meinen Eltern das Leben zur Hölle gemacht hatte. 

Er hatte den Hof noch in bestem Alter meinem Vater übergeben mit der Auflage, für ihn bis an sein Lebensende zu sorgen. Mein Vater musste ihm ein abgesetztes Stöckli errichten. Meine Mutter musste für ihn jeweils separat in seiner Küche kochte. Auch oblag es ihr, einmal in der Woche das Stöckli zu putzen. Und sie musste ihm aufwarten, wenn er einmal in der Woche seine Freunde zum Kartenspiel einlud. Obwohl er noch rüstig war, legte er auf dem Hof nicht mit Hand an, schliesslich wolle er seinen wohlverdienten Ruhestand geniessen. Wie wenn das Bewirtschaften des Hofes nicht schon genug Arbeit mit sich brachte, mussten meine Eltern also auch noch viel Kraft für die Versorgung des Grossvaters aufbringen. Ausser für den Kirchgang an Sonntagen blieb keine freie Minute. 

Als der Grossvater eines Tages tot aus der Jauchegrube gefischt wurde, schien die Zeit stillzustehen. Es schien, als würde die Geschichte gerade überlegen, wie es weitergehen soll. Es war viel Erleichterung spürbar. Erleichterung, dass der Terror ein Ende hatte. Aber gleichzeitig war da die dunkle Vorahnung, dass es schlimmer kommen wird. Ich glaube, wir hatten uns da alle gewünscht, dass die Entscheidung, wie die Geschichte weitergeht offenbleiben und die Zeit in dieser Starre verharren bliebe. 

Aber die Zeit nahm wieder in Fahrt auf und brachte den Arzt, den Gemeindepräsidenten, den Pfarrer und die Polizei auf den Hof. Der Tote wurde untersucht, Spuren wurden gesichert und wir wurden verhört. Am Ende des Tages wurden unsere Eltern von der Polizei abgeführt und wir wurden ins nahe Waisenheim gebracht.

Wir sollten unserer Eltern nur noch einmal am Tag, an dem ihr Urteil verkündet wurde, wiedersehen. Verschwommen mag ich mich an Sätze wie: «Kann nicht durch Ersticken in der Jauchegrube gestorben sein.» «War beliebt im Dorf und es gibt niemanden, der ihm übelwollte.» Dass man meine Mutter mehrfach habe sagen hören: «Wenn er doch nur die Treppe hinunterfallen und sich das Genick brechen würde.»

Meine Geschwister habe ich seither nicht wieder gesehen, da wir alle zu unterschiedlichen Familien verdingt wurden. Vielleicht zieht es das eine oder andere mit dem Bedürfnis herauszufinden, was damals genau geschah, auch eines Tages hierher zurück.

Die Neophyten

Sunday, August 29th, 2021

Ich war eigentlich nie ein Freund von Naturfreunden. Mit diesem Getue um Bachputzete und Waldbereisungen konnte ich nichts anfangen. Aber Neophytenjagden finde ich geil! Dazu gestossen bin ich zufällig. Ein Freund hatte mich auf einen Aufruf in der Lokalpresse aufmerksam gemacht. Dieser lautete: «Helfen Sie uns, unsere Heimat zu bewahren». Und es wurde ausgeführt, dass sich einige der eingeschleppten Pflanzen aggressiv ausbreiten und einheimische Arten bedrohen. Dass das Aufspüren und Entfernen dieser Eindringlinge arbeitsintensiv sei und man daher unbedingt auf die Hilfe von freiwilligen Helfern aus der Bevölkerung angewiesen sei. Das sprach uns an. 

Man traf sich am letzten Samstagnachmittag vor dem Gemeindehaus, wo uns der Leiter des Werkdienstes empfing. Nach einer kurzen Begrüssung ging er nochmals ausführlich darauf ein, warum es wichtig sei, diese fremden Pflanzen auszumerzen. Durch deren Ausbreitung würden sie einheimische Kulturen verdrängen, wodurch ein ganzes lokales Ökosystem durcheinandergeraten könne. Er stellte uns die schädlichsten dieser Eindringlinge vor, erklärte deren Hauptmerkmale und gab uns auch Profilkärtchen ab, wo die Pflanzen in verschiedenen Entwicklungsstadien abgebildet waren. Wir erhielten auch Kärtchen, für ähnlich aussehende heimische Pflanzen, damit wir nicht im Übermut auch die einheimische Flora ausrotteten, wie er mit einem Schmunzeln meinte. Danach erhielten wir alle einen Kerichtsack, um die Pflanzen einzusammeln und es wurden uns Sektoren des Gemeindegebiets zugeteilt. Zum Schluss rief er uns in Erinnerung, dass wir nur auf gemeindeeigenen Grundstücken – diese seien auf unserem Sektorplan klar gekennzeichnet – Pflanzen ausreisen dürfen. Die Vernichtung von Neophyten auf Privatgrundstücken sei Sache der Eigentümer. 

Und los ging’s. Anfänglich war es gar nicht so einfach, die Pflanzen eindeutig zu identifizieren und wir mussten oft unsere Steckbriefe – wie wir die Profilkarten nannten – zu Hilfe nehmen. Mit der Zeit aber bekamen wir Übung in der Sache und konnte recht schnell anhand der Blüten, Blätter oder Stämme treffsicher zwischen fremden und einheimischen Pflanzen unterscheiden. Auf Gemeindegebiet selbst fanden wir gar nicht so viele Pflanzen. Nach etwa zwei Stunden waren unsere Kerichtsäcke nur halb voll. Hätten wir auch die Eindringlinge aus Gärten entfernt, wären unsere Säcke wohl schon voll gewesen. Immer wieder trafen wir auf Gärten, wo die Fremdlinge ungestört gedeihen konnten. Ein bisschen begannen wir uns zu fragen, ob es Sinn macht, das Gemeindegebiet zu säubern, wenn Private nichts dagegen tun. Ich finde, wer in seinem Garten diese Invasoren duldet, sollte sich nicht auf seine privaten Rechte berufen können. Ohne Pflichten keine Rechte könnte man sagen. Wir nahmen uns vor, das bei einer nächsten Aktion einzuwenden. 

Treffpunkt nach dieser Säuberungsaktion waren die grossen Familienfeuerstellen am Waldrand. Als wir ankamen brannten da schon drei grosse Feuer. Der Inhalt unserer Kerichtsäcke wurde in eines der Feuer gekippt, um die Invasoren endgültig unschädlich zu machen. Alle Teilnehmer wurde auf Gemeindekosten mit Brot und Wurst vom Grill und mit Bier oder Mineralwasser für den Einsatz belohnt. Einige der führen Rückkehrer, die schon mehrere Biere gekippt hatten, begannen dann mit grossem Geheul um die Feuer zu tanzen und zu rufen: «Tod den Neophyten! Tod en Neophyten!» Wir alle verspürten einen ungemeinen Stolz, gemeinsame etwas für unsere heimischen Natur getan zu haben und so wurde das Ganze ein gelungener Anlass. Mein Freund und ich nahmen uns vor, nach Aufrufen zu Neophytenjagden in der Umgebung Ausschau zu halten.