Archive for 2016

Das Jüngste Gericht

Sunday, December 25th, 2016

Ich habe vom Jüngsten Gericht geträumt. Es fand in einer riesigen Halle statt mit einer langen Reihe von Schaltern vor denen sich lange, gewundene Seelenschlagen stauten. Fast so wie bei der Einreise an einem Flughafen.

Es war mir anfänglich überhaupt nicht klar, wie man sich einzureihen hatte. Es wäre zu erwarten gewesen, dass man sich nach Religionszugehörigkeit anstellen müsste, aber über den Schaltern waren nur Zahlen angebracht. Die Nummerierung begann ganz links bei eins, aber das rechte Ende war nicht absehbar. Vor den Schaltern mit tiefen Nummern drängten sich die Wartenden, während bei den Schaltern mit hohen Nummern, nur vereinzelte Seelen auszumachen waren.

In der Hoffnung, ich würde mit der Zeit herausfinden, nach welchen Regeln hier alles ablief, schaute ich dem Treiben in der Halle einfach einmal zu. Jeder in der Warteschlange hatte einen Zettel in der Hand. Ich folgte den ankommenden Seelen mit meinem Blick zurück und sah, dass sie den Zettel von weiss gekleideten, blassen, teilweise durchsichtigen Gestalten erhielten. Danach begaben sie sich zu langen Tischen, wo sie die Zettel mit Stiften bearbeiteten, um dann wieder zurück zu einer der weissen Gestalten zu gehen, die sie dann zu den Schaltern wies.

Ich begab mich also zur weissen Gestalt, die mir am nächsten stand. Sie musterte mich von oben bis unten mit ausdruckslosen Augen und reichte mir einen Zettel. Trotz der Ausdruckslosigkeit schien mir der Blick mitleidig.

Mit dem Zettel begab ich mich also zu den Tischen, auf denen die Stifte lagen. Diese fühlten sich an, wie die Stifte, die für die Bedienung auf Bildschirmoberflächen verwendet werden. Mit dem Stift in der Hand wendete ich mich also meinem Zettel zu. Er war mit „Paradise Application Form“ überschrieben. Das faszinierende am Zettel war, dass jede Frage, die ich beantwortete, dazu führte, dass im unteren Viertel des Zettels ein Zähler inkrementell nach oben zählte.

Die Fragen allerdings ergaben auf den ersten Blick überhaupt keinen Sinn. Da wurde gefragt, in welchem Land man hauptsächlich gelebt habe, welches der Lieblingsferienort gewesen sei und ob man Vegetarier war. Als ich weiter unten zu den Fragen: Hatten Sie ein Auto und wieviel Hubraum hatte es? Wie viele Zimmer haben Sie durchschnittlich bewohnt? kam, begann es mir zu dämmern. Mittlerweile hatte mein Zähler die 20’000 Marke überschritten und ich konnte von meiner Position aus keine Schalter mit auch nur annähernd so hohen Nummern erkennen.

Als ich alle Fragen beantwortet hatte, die letzte hatte gelautet: Waren sie Vielflieger und welchen Status hatten Sie?, begab ich mich unsicher zurück zur fahlen Gestalt und überreichte ihr mein Formular. Jetzt war ihr Blick definitiv mitleidig. Sie hob den Arm und machte mit der Hand Bewegungen, die deutlich zu verstehen gaben, dass ich meinen Schalter ganz weit rechts zu suchen hatte. Ich war mich ja gewohnt, als Vielflieger im Senatorstatus an speziellen Schaltern bedient zu werden. Nur stellte sich diesmal nicht dieses erhabene Gefühl ein, dass einem sonst beschleicht, wenn man als Senator bevorzugt behandelt wird.

Anfänglich ging ich zügigen Schrittes in Richtung der hohen Schalternummern. Aber je weiter ich kam, umso seltener standen Seelen vor den Schaltern. Nur die fahlen Gesichter mit mitleidigem Blick hinter den Schaltern. Je weiter ich ging, umso diffuser erschien alles in der Halle. Dabei reifte langsam die Erkenntnis, dass mich hinter den Schaltern nichts Erfreuliches erwarten würde. Ich musste einen Ausweg finden und schaute mich nach einer Toilette um, auf der ich mich hätte einschliessen können, um zu warten und zu hoffen, dass alles anders wäre, wenn ich wieder rauskomme. Ich fand eine Toilette – heute frage ich mich allerdings, wozu es in der Ankunftshalle zum Paradies Toiletten braucht – und ich setze mich in eine Kabine. Alsbald schlief ich ein und träumte vom Jüngsten Gericht.

Kreise

Tuesday, November 1st, 2016

Peter liebte es unten am See zu sitzen und gelegentlich einen Stein ins Wasser zu werfen. Das formte im Wasser wunderschöne, konzentrische Kreise, die sich im Wasser ausbreiteten. Wenn sich die Wellen gelegt hatten, wartete er in der Regel eine kurze Zeit, bevor er den nächsten Stein ins Wasser warf, um wieder diese schönen, konzentrischen Kreise zu geniessen.

Vorgestern setzte sich Sarah neben ihn. Sie begann jeweils gleichzeitig mit ihm Steine ins Wasser zu werfen. Sie dosierte den Wurf so, dass ihr Stein etwa zwei Meter neben Peters Stein ins Wasser fiel. Unmittelbar nach dem Eintauchen bildeten sich um beide Eintauchstellen schöne, konzentrische Kreise, die sich ausbreiteten. Nach wenigen Sekunden trafen sich die äussersten Kreise und weil sie sich ungehindert weiter ausbreiteten, begannen sich die konzentrischen Kreise in Muster von Linsen und Rauten aufzulösen.

Nach Sarahs drittem Wurf stand Peter wortlos auf und verliess den See und gestern hat sich Peter von Sarah getrennt.

Die Internetküche

Saturday, October 1st, 2016

So genau kann ich nicht mehr sagen, wann die Entfremdung von meiner Frau ihren Anfang nahm, aber nach und nach begann mich ihre Küche zu langweilen. Dabei waren ihre Kochkünste damals ein wichtiger Grund gewesen, warum ich sie geheiratet hatte.

Bei uns zu hause hatte kochen keine Tradition. Meine Mutter war Lehrerin und engagierte sich ausserhalb der Schule in allen möglichen Vereinen unserer Gemeinde. Sie hatte selten Zeit uns etwas zu kochen und wenn, dann waren es Pasta an einer Tomatensosse aus der Büchse. Mein Vater störte das nicht, er ass meist auswärts. Es hatte mich drum enorm beeindruckt, dass meine heutige Frau ein beachtliches Repetitor traditioneller Gerichte auf Lager hatte.

Leider hat mich das nur so lange beeindruckt, bis ich auf dem Internet die unzähligen Kochseiten zu entdecken begann. Unglaublich, was man auf dem Internet alles findet. Die exotischsten Gerichte unwiderstehlich anmachend abgebildet. Natürlich habe ich versucht, auch meine Frau für all die entdeckten Rezepte zu begeistern. Leider erfolglos. Immer fand sie an allem was auszusetzen. Entweder war es zu schwierig die Zutaten zu bekommen, oder sie verfügte nicht über das geeignete Gerät, oder es war gerade nicht Saison für das Gericht, oder sie hatte sonst keine Lust. Einmal rief sie aus, was denn mit mir los sei, dass ich mich dauernd auf diesen Kochseiten rumtreibe. Ob ihre Küche denn wirklich so schlecht sei.

Da gab ich es auf. Ich kann nicht schlechtes darin sehen, sich im Internet zu inspirieren, um ins graue Alltagsmenü etwas mehr Farbe zu bringen. Um etwas ausgefallene Gerichte zu geniessen, sollte man ja nicht gleich auswärts verpflegen müssen.