Archive for 2015

Ich, Chefköchin

Tuesday, December 1st, 2015

Ich habe geträumt ich wäre Chefköchin in einem Restaurant mit drei Michelin-Sternen. Das heisst, nicht ganz. Das Hotel, dem das Restaurant angeschlossen war, hatte sich bloss zum Ziel gesetzt, ein drei Sterne Michelin-Restaurant zu betreiben und meine Aufgabe war es, dies zu erreichen. „Lassen Sie sich in unserem zukünftigen Michelin-Restaurant verwöhnen“, lautete einer unserer Werbeslogans.

Gekauft worden war das Hotel von einem vor kurzem zurückgetretenen Skistar. Vielleicht war es auch ein Tennisprofi. Wobei, ich denke, die Trophäen, die in seinem Büro standen, glichen eher den Glaskugeln aus dem Weltcup als den Schalen von Wimbledon.

Er hatte das Hotel für viel Geld typisch modern umgebaut. Aus der Personalzusammensetzung konnte ich mir aber keinen Reim machen. Die Zimmermädchen waren alles fleissige Bienen, die Serviertöchter waren Rehe, die Küchenhilfen waren Murmeltiere, der Concierge ein Bär. Mich hatte er von hinter der Theke eines Dorffestes weg angestellt. Es kam mir suspekt vor, dass er gerade mich für diesen Job haben wollte. Ich konnte keine einschlägigen Berufsqualifikationen vorweisen und machte ihn darauf aufmerksam, hatte aber gleichzeitig Angst, dass ich den Job, den ich trotzdem irgendwie wollte, nicht bekommen würde. Er überzeugte mich, als er eine Kopie meines Grundschulzeugnisses vor meiner Nase schwenkte, mit dem Finger auf meine Note in Hauswirtschaft zeigte und meinte, das wird doch wohl reichen.

Der Job war ein Riesenstress, der Druck war enorm. Ich musste eine Basisspeisekarte entwerfen mit Gerichten, die einerseits traditionell und für unsere Gegend typisch einfach, aber auf der anderen Seite raffiniert verfeinert sein mussten. Auf wundersame Weise gelang mir das, obwohl ich jetzt nach dem Traum keines der Rezepte mehr aufschreiben könnte. Weiter mussten jeden Monat drei neue Spezialgerichte entworfen werden, die sich an den saisonalen Besonderheiten orientierten. Gelegentlich durften es auch drei Gerichte aus anderen Regionen des Landes oder der Welt sein. Auch das gelang mir überraschend gut. Zwar bangte ich regelmässig um die richtige Eingebung, aber immer fielen mir die Ideen in letzter Minute zu.

Es lief also, angesichts meiner mangelnden Berufserfahrung recht gut, dachte ich. Auf jeden Fall fand unser Restaurant zunehmend Erwähnung in Zeitschriften. Bloss, die Michelin-Sterne hatten wir noch nicht. Unser Chef war der Auffassung, dass unsere Gerichte nicht raffiniert genug wären. Wir müssten eine Überraschungskomponente einbringen, das werde die Berichterstattung intensivieren. Diese Überraschungskomponente werde er persönlich einbringen, da ich zu stark im Korsett meiner originalen Rezepte verankert sei. So entschied er an einem Abend, meiner Rote Beete Suppe eine Kugel Vanilleeis beizufügen, an einem anderen Abend dekorierte er das Zimtparfait mit Sauerkraut, bestreute die hausgemachten Vermicelles mit Parmesankäse oder drückte auf den lauwarmen Schokoladenkuchen eine Portion Ketchup.

Diese Einmischungen in die Menügestaltung passten mir gar nicht. Natürlich war ich ein Niemand, aber ich war der Ansicht, dass ich meinen Job bis jetzt nicht so schlecht gemacht hatte und dass er mir daher mehr Respekt entgegen bringen und mir die nötige Zeit geben müsste, uns an die Spitze zu kochen. Er respektiere, was ich geleistet hätte, aber er könne mir sagen, dass solides Handwerk nicht reiche, um den gastronomischen Olymp zu erklimmen. Dazu brauche es das Aussergewöhnliche. Oft brachten die Rehe wenig schmeichelhafte Rückmeldungen in die Küche zurück, was mich in meiner Opposition gegenüber den ungebührlichen Einmischungen bestätigte.

Die Berichterstattung war nicht gar so negativ, wie ich befürchtet – oder eher gehofft – hatte. Anfänglich hiess es, die Kreationen würden etwas gewagt. Bald hiess es dann aber schon, die junge Küchenchefin hätte sich emanzipiert und ihren eigenen Stil gefunden. Mehr und mehr kamen Gäste zu uns, die sich nur von unseren gewagten Kreationen überraschen lassen wollten. Vom Kuriosum zum Geheimtip erreichten wir schon fast Kultstatus.

Nach Michelin-Sternen war’s meinem Chef mittlerweile nicht mehr. Zu stark sei das Michelin-Bewertungskonzept im Traditionellen haften geblieben und nicht in der Lage neue Konzepte zu repräsentieren. Auch mich stellte er auf die Strasse. Ich tauge nicht als Geschäftspartnerin, hätte ich doch durch mein beschränktes Vorstellungsvermögen, den Erfolg seines Unterfanges dauernd gefährdet. Womit der Traum von der Chefköchin ausgeträumt war.

Die Papiersammlung

Sunday, November 1st, 2015

Der Schweiz droht eine Tradition verloren zu gehen, die Generationen von Jugendlichen geprägt hat. Die Papiersammlung. Das Sammeln von Altpapier ist in vielen Schweizer Gemeinden ein Weg, wie sich Vereine, oft Jugendorganisationen, einen Teil ihres Budgets finanzieren. Papiersammlungen waren zudem immer tolle Erlebnisse. Man verbrachte einen ganzen Tag zusammen, arbeitete körperlich, was für viele von uns (Gymnasiasten) eine Abwechslung darstellte, man tat etwas Gutes für die Vereinskasse und schuf einen Anlass, um am Abend noch bei einigen Bieren fröhlich zusammenzusitzen.

Bei jeder dieser Papiersammlungen kommen kompromittierende Dokumente zum Vorschein. Am häufigsten sind es Pornohefte, die zwischen die Seiten von seriösen Tageszeitungen geklemmt und in einem extra straff geschnürten Bund geklemmt wurden. Manchmal sind es persönliche Briefe, die Familieninternas preisgeben oder Hinweise auf Finanzprobleme. Einfach zu finden sind solche Dokumente nicht, sind sie doch oft zwischen Zeitschriften und Zeitungen gelegt worden. Aber wenn man systematisch alle Papierbündel aufschneiden, alle Zeitschriften und Zeitungen am Bund haltend ausschütteln und alle herausfallenden Dokumente analysieren würde, dann kann es schon sein, dass man häufiger fündig wird.

Das müssen sich wohl die Turner von Rhystadt auch gedacht haben. Auch der Schritt, die gefundenen, kompromittierenden Dokumente dazu zu verwenden, um die Betroffenen zu einem Zustupf an die Vereinskasse zu ermuntern, ist eigentlich naheliegend. Oft reichte die Drohung, das kompromittierende Dokument hundertfach zu vervielfältigen und gezielt in der Stadt zu verteilen, um die Spende zu erwirken. Im zweiten Jahr flogen die Erpressungen auf und warfen hohe Wellen, weil es um ärztliche Unterlagen einer nationalen Politikerin ging.

Seit diesem Vorfall wird über eine Abschaffung dieser anachronistischen Methode Altpapier zu entsorgen diskutiert. Sie stelle in höchstem Masse eine Gefährdung der Privatsphäre dar. Den Einwand, jeder sei selber verantwortlich dafür, welche Dokumente im Altpapier landen und was im normalen Hauskehricht entsorgt werde, lässt man nicht gelten. Man könne nicht von jedermann erwarten, dass er oder sie sich ausmalen tue, dass persönliche Dokumente, im Altpapier entsorgt, missbraucht werden könnten. So wird das Parlament also in seiner Herbstsession über eine Vorlage zur Professionalisierung der Altpapierentsorgung beraten müssen.

Rezepte gegen die Langeweile

Thursday, October 1st, 2015

Haben Sie das Gefühl, schon alles erlebt zu haben, was man erleben kann? Sie waren schon auf dem Mount Everest? Sie haben schon in einem Käfig mit einem Rudel weisser Haie getaucht? Sie haben schon mit einer Raumfähre einen Weltraumflug absolviert? Und Sie haben schon in Afrika Grosswild erlegt? Kurz Sie glauben, es gibt nichts mehr, was Ihr Verlangen nach Aussergewöhnlichem befriedigen könnte?

Dann fragen wir Sie, wissen Sie, wie Menschenfleisch schmeckt? Wenn Sie diese Frage lieber mit Ja beantworten möchten, dann verraten wir Ihnen, dass ein exklusives Spezialitätenrestaurant existiert, in dem Sie eben dies probieren können.

Moralische Bedenken brauchen Sie bei dem Erlebnis keine zuhaben. Es werden keine Morde begangen. Alle Personen stellen sich freiwillig zur Verfügung und sie tun dies ausnahmslos, weil sie mit der erhaltenen Prämie ihren Familien ein besseres Leben ermöglichen können. Auch um die Fleischqualität brauchen Sie sich nicht zu sorgen. Es können nur kerngesunde Personen, die nicht älter als fünfundzwanzig sind, am Programm teilnehmen.

Haben wir Ihre Neugier geweckt? Dann finden Sie mehr Informationen zu Chez Hannibal unter seiner Onion-Adresse. Wir werden Ihnen dort zwar nicht verraten, wie Menschenfleisch schmeckt, diese Spannung wollen wir Ihnen erhalten, aber Sie werden dort schon mal erfahren, welches neben dem Gesäss die zartesten Stücke sind.