Archive for 2013

Altpapiersammlung

Sunday, November 17th, 2013

Für unsere Jugendgruppe waren die Einnahmen aus der jährlichen Altpapiersammlung  die Haupteinnahmequelle noch vor dem Beitrag der Gemeinde, der allen Vereinen zustand. Altpapiersammlungen fanden drei Mal im Jahr jeweils an einem Samstag statt und unserer Jugendgruppe stand der Termin im Frühjahr zu, welches in der Regel der ergiebigste Termin des Jahres war.
An diesen Samstagen trafen wir uns immer Punkt neun Uhr vor unserem Gruppenlokal, wer zu spät kam, würde für das Grillfest im Sommer einen Kasten Bier beisteuern müssen. Über die Jahre hatten wir uns auch gute Beziehungen zu lokalen Handwerksbetrieben aufgebaut, welche uns unentgeltlich einen ihrer Lieferwagen zu Verfügung stellten. Nach einem kurzen Begrüssungsritual, teilten wir uns auf die Ladeflächen dieser Lieferwagen auf und die Fahrer teilen das Gemeindegebiet unter sich auf.
Die Fahrer fuhren ihr Gebiet dann mehr oder weniger systematisch ab. Bei jedem Papierhaufen entlang der Strecke wurde kurz angehalten, einer oder mehrere von uns – abhängig von der Grösse des Papierhaufens – sprangen von der Ladefläche, hoben ein Papierbündel nach dem anderen auf und warfen es auf die Ladefläche. Wenn die Ladefläche voll war, fuhren wir zum Güterbahnhof, wo wir die Papierbündel von der Ladefläche in einen Eisenbahnwagen warfen. Und dann ging’s wieder zurück in die Wohnquartiere von einem Haufen zum nächsten.
Ich mochte diese Papiersammlungsaktionen. Es war cool auf der offenen Ladefläche durch die Wohngebiete zu fahren und es machte Spass einmal einen Tag lang eine körperliche Arbeit zu verrichten. Nur Regen konnte diesen Spass mindern. Papiersammeln bedeutete aber immer auch Hoffnung auf einen Blick in die aufregende Welt der Pornographie. Pornographische Hefte waren rar in der ganzen Papierflut und zudem waren sie meist sorgsam zwischen den normalen, unbedenklichen Druckerzeugnissen versteckt. Es benötigte also einigen Glücks, um sie zu finden.
Kamen dann überraschend Pornohefte zum Vorschein, wurden sie mehr oder weniger verstohlen studiert. Wir wagten kaum offen, das Gesehene zu kommentieren. Als Dario bei einer Abbildung einer grossbusigen Blondine in schenkelhohen Stiefeln ausrief: „Die sieht aus wie meine Mutter!“ traf uns dies auch wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Augenblicklich richteten sich alle Augen auf ihn. Er wurde knallrot im Gesicht und erklärte uns umständlich, wie er schon seine Eltern beim Sex beobachtet hätte und dass seine Mutter dabei auch solche hohen Stiefel getragen habe.
Seit diesem Tag sah ich – wohl wir alle –  Darios Mutter in einem anderen Licht. Sei es bei den Schulbesuchen, sei es im Einkaufszentrum, immer wenn ich sie sah, stellte ich mir sie nackt in schwarzen schenkelhohen Stiefeln vor. Und bis heute begegnet mir Darios Mutter gelegentlich in meinen Träumen.

Statistik der Langeweile

Sunday, September 29th, 2013

Als Marc in die Kantine kommt, freut er sich, Severin zu sehen. Die meisten Kollegen halten sich an die Vorgabe und sprechen nicht über Einzelheiten ihrer Überwachungsarbeit. Aber Severin ist einer der wenigen Kollegen, mit denen man sich offen austauschen kann.

Marc: Und, heute schon etwas Erzählenswertes gesehen?

Severin: Nö, bis jetzt nicht. Bin aber auch nicht auf meiner Lieblingsschicht.

Marc: Stimmt, Tagesschichten sind selten wirklich spannend. Man müsste für die verschiedenen Schichten mal ne Statistik der Langeweile erheben, vielleicht würden Tagesschichten danach besser bezahlt.

Severin: Da ist was dran. Das Aufregendste heute war der kleine Bengel in der Überwachungseinheit A301.27B. Die Nanny wollte ihr den Mittagsbrei füttern, als das Telefon klingelte. Und bis die Nanny das Telefon gefunden hatte, hatte die Kleine bereits das ganz Esszimmer bespritz mit dem Brei. Die Nanny muss sie danach ziemlich angeschrieen haben.

Marc: Handgreiflichkeiten?

Severin: Nein. Sie liess die Kleine im Raum auf ihrem Hochsitz ausser Reichweite jeglicher Gegenstände zuschauen, wie sie die Sauerei wegwischte. Obwohl die Kleine anfänglich wohl geplärrt hat, kann man der Nanny Gewaltanwendung nicht vorwerfen.

Marc: Ehrlich gesagt, finde ich, wird in letzter Zeit viel zu schnell ein Fall von Gewaltanwendung konstruiert. Ich habe bei gewissen Kollegen den Eindruck, dass sie bereits beim Erheben des Drohfingers eine logische Vorstufe zur Gewaltanwendung sehen wollen, wo es einzuschreiten gilt.

Severin: Ist zum Teil ja auch verständlich. Im Moment werden die öffentlich geäusserten, kritischen Stimmen zu unserer Behörde noch als Kuriosum behandelt, aber die öffentliche Meinung kann manchmal schnell kippen.

Marc: Auch der laufende Abdeckerprozess hilft hier nicht gerade. Ehrlich gesagt, muss man sich schon fragen, woher die das Geld haben, den Fall bis vor internationale Gerichte weiterzuziehen.

Severin: Vielleicht bin ich naiv, aber um unsere Behörde mach ich mir wenig Sorgen. Seit die Wohnbereichsüberwachung eingeführt wurde, wurden 98% weniger Fälle von häuslicher Gewalt und Kindsmissbrauch registriert. Und vergiss nicht, die allgemeine Zustimmung für die Einführung war so hoch wie bei keinem anderen Gesetz davor.

Marc: Ich hoffe, Du hast recht.

Severin: Glaub mir, die grösste Gefahr für unseren Job droht nicht aus der Politik oder der Öffentlichkeit. Die grösste Gefahr droht von Software-Agenten.

Marc: Du meinst Computerprogramme, die unsere Überwachungsfunktion übernehmen?

Severin: Genau!

Marc: Da hab ich jetzt wenig Bedenken, dass es je soweit kommt. Ich denke, es ist eines, automatisch die Geschwindigkeit eines Fahrzeuges zu bestimmen und dann beim Überschreiten einer Limite automatisch ein Photo zu schiessen. Aber mir scheint es etwas ganz anderes, Akte häuslicher Gewalt zu erkennen. Stell Dir nur mal vor, wie soll ein Softwareagent zwischen echter Gewalt und SM Spielen unterscheiden? Deine Lieblingseinheit C811.X13 würde dauernd Fehlalarme auslösen. < Lacht >

Severin: Vielleicht würde man den Überwachungsprozess so gestalten, dass Softwareagenten zweifelhafte Sequenzen einem menschlichen Agenten zur Beurteilung vorlegen würden. So würde es zwar immer noch menschliche Agenten brauchen, aber eben viel weniger.

Marc: Das hätte doch auch was Positives. Für diejenigen, welche dann noch im Dienst wären. Man würde dann nur noch die „heissen“ Sequenzen anschauen müssen. Kein Zappen mehr durch leere Räume oder langweilige Game-Abende – nur noch Unterhaltung pur! Ehrlich gesagt, wäre das doch eine Aufwertung unseres Berufes, oder?

Severin: Ja, toll! Aber ich sage Dir, eine Reduktion der Agentenzahl wäre gar nicht spassig. Der Verdrängungskampf würde hässlich.

Marc: Lass uns also hoffen, dass es nicht so weit kommt.

Severin: Ja, lass uns hoffen. Vorerst hoffe ich, dass mir meine Schicht noch etwas Spannendes zu bieten hat. Die Chancen stehen gut. Mittwochs schaut bei der Tusse von K047.D81 meist der Personal Trainer vorbei.

Marc: Ist das der, der sich in ein Hasenkostüm kleiden muss, ihr mit der Nase die Muschi massiert und dafür eine Karotte bekommt?

Severin: Nein, das ist die aus der Einheit K049.C14. Ich muss wieder los. Ich erzähle dir nächstes Mal was in der K047.D81 so abgeht.

Marc: Na dann mal viel Spass. Bis zum nächsten Mal.

Severin: Bis zum nächsten Mal.

Mütter

Monday, July 29th, 2013

Berufe in der institutionellen Reproduktion gehören wegen den stabilen langfristigen Perspektiven heute zu den attraktivsten und gefragtesten Berufen überhaupt. Als InteressentIn an einer Tätigkeit in der Reproduktion stehen Ihnen grundsätzlich zwei Möglichkeiten offen: Sie können entweder gebärend oder erziehend tätig sein.

Die Anforderungsprofile für die beiden Reproduktionsberufe sind allerdings unterschiedlich. Während Sie als GebärerIn das 18. Lebensjahr vollendet und biologisch in der Lage sein müssen zu gebären, steht der Beruf als ErzieherIn grundsätzlich allen offen. Als GebärerIn müssen Sie zudem in guter physischer und gesundheitlicher Verfassung sein. Während Ihrer Berufausübung werden Sie entsprechend auch medizinisch betreut, um sicherzustellen, dass Sie und der Nachwuchs bei guter Gesundheit bleiben. Sie müssen sich auch verpflichten, aktiv zum Erhalt Ihrer Gesundheit beizutragen indem Sie sich an die Ernährungsvorschriften halten und für ausreichend körperliche Betätigung sorgen. Während der Zeit als GebärerIn erhalten sie sodann die Möglichkeit, eine Ausbildung zu absolvieren, welche Sie auf die Zeit nach Ihrem Einsatz in der Reproduktion vorbereitet. In der Regel verpflichten sie sich für den Einsatz von zehn Geburten. Bei guter körperlicher Verfassung ist eine Verlängerung um fünf weitere Geburten möglich.

Die Tätigkeit als ErzieherIn erfordert eine abgeschlossene Mittelschulbildung gefolgt von einem pädagogischen Studium. In einer Institutionsfamilie werden Sie dann mit einem Team von fünf anderen Erziehenden für das Aufziehen von sieben Kindern zwischen 0 und 14 Jahren zuständig sein. Die verschiedenen Betreuungsaufgaben werden unter den Erziehenden gleichmässig aufgeteilt, wobei die Koordination einem speziell dazu ausgebildeten Familienoberhaupt obliegt. Das erste Jahr in der Institutionsfamilie dient zur Akklimatisation. Ziel ist es, dass aus Kontinuitätsgründen ein Einsatz mindestens fünfzehn Jahre in einer Familie erfolgt. Nach dem ersten Jahr aber kann die Familie gewechselt werden. Um den Zusammenhalt über eine so lange Zeit zu unterstützen, wird jedes Erziehungsteam durch einen Coach betreut, der hilft, kritische Situationen frühzeitig zu erkennen und zu meistern. Im Gegensatz zur Tätigkeit als GebärerIn, können Sie als ErhiezerIn bis zur ordentlichen Pensionierung tätig sein.

Da Sie sich für eine Tätigkeit in der Reproduktion interessieren, haben Sie möglicherweise auch schon von Personen gehört, die ausserhalb der institutionalisierten Reproduktion unabgängig tätig sind. Als Motivation für diesen Schritt werden meist zwei Gründe angeführt. Einerseits kann man so selber bestimmen, welches Genmaterial man weitergibt und zweitens sei der Bezug zu den Kindern intensiver und von längerer Dauer. Trotzdem müssen wir in dieser Broschüre davon ausdrücklich abraten. Nicht nur würden Sie für die anfallenden Kosten selber aufkommen müssen, was insbesondere in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu einer enormen Belastung werden kann, sondern Sie können auch persönlich Schadenersatzansprüchen durch Ihre Nachkommen ausgesetzt sein, falls Sie ihnen Chancen verbaut haben sollten. Bei einer Tätigkeit in der institutionellen Reproduktion setzt sich die Reproduktionsbehörde mit solchen Forderungen auseinander.