Déjà Vu

January 1st, 2021

Wer kennt es nicht! Man tritt morgens aus dem Haus und ist überzeugt, diesen Morgen schon einmal gelebt zu haben. Man sitzt in einer Runde von Freunden und man könnte wetten, genau diese Rund schon einmal erlebt zu haben. Man betritt einen vermeintlich unbekannten Ort und ist überzeugt, schon einmal da gewesen zu sein.  

In diesen Momenten ist man versucht zu fragen, ob sich unser Leben nicht im Kreis dreht und sich immer wieder wiederholt, ohne dass wir dies wirklich realisieren. Dass man in einer Zeitschleife gefangen sein könnte, aus der man nicht entrinnen kann. Ob das Leben überhaupt einen Sinn ergibt, kann man sich fragen. 

Ich denke, das ganze Philosophieren ist totaler Unsinn. Ich für meinen Teil schaue am Jahresende auf mein Bankkonto. Da dieses von Jahr zu Jahr stetig wächst, bin ich mir erstens sicher, dass ich mich nicht in einer endlosen Zeitschleife befinde und zweitens weiss ich, dass das Leben Sinn ergibt. 

Kommissar Weder

December 14th, 2020

Wenn Stefan nach dem skurrilsten Fall seiner Ermittlerkarriere gefragt wird, so kann er einige nennen. Je nach Erzähllust fällt seine Wahl dann auf den einen oder anderen Fall. Was genau den Ausschlag zur Wahl der einen oder eben der anderen Geschichte gibt, weiss Stefan nicht so genau. Sicher aber ist, dass in der Vorweihnachtszeit seine Wahl besonders häufig auf den zu Tode gefolterten Nikolaus fällt. Obwohl der Fall bis heute ungelöst bleibt, glaubt Stefan zwar nicht die verantwortlichen Personen, so doch deren Motiv und den Tathergang gut zu verstehen. 

Der Mord fällt in jene Zeit, in der sehr heftig und emotional über Sozialhilfemissbrauch diskutiert, respektive öffentlich multimedial gestritten wurde. Man war sich im Allgemeinen einig, dass Sozialhilfebetrug nicht akzeptiert werden darf. Man war sich aber weniger einig, wie weitverbreitet dieser war und noch weniger wie ihm zu begegnen sei. Gewisse Gemeinden – meist die Städte – setzten eigens dafür rekrutierte und ausgebildete Sozialhilfebetrugsdetektive ein, in anderen Gemeinden – oft in ländlichen Gebieten – nahmen sich bürgerwehrähnliche Organisationen der Aufgabe, Sozialhilfebetrüger aufzuspüren und anzuzeigen, an. 

Der Mord trug sich in einer dieser ländlichen Gemeinden zu. In diesen ländlichen Gegenden wurde zu der Zeit auch noch die Tradition des St. Nikolaus gepflegt. Speziell zu diesem Zweck gegründete Vereine verkleideten einige Ihrer Mitglieder als heilige Nikolause, welche die Kinder zuhause besuchten, ihnen Lob und Tadel in die gute Stube brachten und sie zum Abschluss mit Leckereien wie Nüssen, Lebkuchen, Mandarinen, Schokolade beschenkten. Bei dieser Aufgabe – Kraft seines Amtes so zu sagen – gewann St. Nikolaus zwangsläufig einen sehr intimen Einblick in die guten Stuben. 

Stefans Vermutung geht nun dahin, dass dieser unglückliche Nikolausdarsteller von Sozialhilfebetrugsbürgerwehrmitgliedern gefangen genommen und im Keller des leerstehenden Hauses, wo er später tot aufgefunden wurde, verschleppt wurde. Das Ziel der Aktion wäre demnach gewesen, dem Nikolaus durch Einschüchterung Details zur Wohnsituation von Familien zu entlocken, die Sozialhilfe beziehen und daraus Hinweise zu bekommen, ob allenfalls nicht doch ein nicht deklariertes, schwarzes Einkommen vorhanden sein könnte. Ein teures Mountainbike oder ein neuer Flachbildschirm könnten solche Anzeichen sein. 

Stefan geht davon aus, dass die Amateure etwas ungeschickt vorgegangen waren bei der Einschüchterung des armen Nikolaus und ihn aus Versehen getötet hatten, in dem sie ihm eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt hatten und mangels professioneller Folterausbildung zu lange warteten, bis sie diese wieder entfernten. Etwas weniger wahrscheinlich erscheint Stefan, dass der Nikolausdarsteller seine Peiniger erkannt hatte und diese ihn deshalb zum Schweigen bringen mussten. Obwohl, ausschliessen möchte er diesen Tathergang nicht. Der Nikolausdarsteller war in der Gemeinde gut vernetzt und dass er seine Peiniger kannte, ist sehr wohl möglich. 

Frustrierend ist ohne Frage, dass dies einer seiner wenigen ungelösten Fälle ist. Sozialbetrugsbürgerwehren waren keine regulären Vereine, sondern Schattenorganisationen mit losen Strukturen, deren Mitglieder niemand kannte. Es gab Vermutungen darüber, wer wohl dazu gehören könnte und diesen Spuren ging Stefan auch nach, aber vergeblich. Am Tatort liessen sich auch keine verwertbaren Spuren finden. Auch das passt in Stefans Schema einer versehentlichen Tötung. Der tödliche Fehler muss den Bürgerwehrlern kurz nach der Verschleppung passiert sein, so dass sie bei aller Dummheit schlicht nicht genug Zeit hatten, Spuren zu hinterlassen. Diese Vermutung wird auch durch die Gerichtsmedizin, die den Tod durch Ersticken noch auf den 6. Dezember datiert, erhärtet.  

Letztlich glaubt Stefan, dass der tote Nikolaus, den Bürgerwehrlern gewaltig einfuhr. Auf jeden Fall, kam es in der Gegend nach dieser Aktion mit tödlicher Nebenwirkung zu keinen anonymen Anzeigen wegen Sozialbetrug mehr.  

Check-In im Bienenhotel

November 1st, 2020

Es ist uns allen ein grosses Anliegen, Dir Horst, heute nach getaner Arbeit für Deinen unermüdlichen und kreativen Einsatz für unseren Quartierverein zu danken. Ohne Leute, die mit guten Ideen und viel Tatendrang etwas vorantreibe, kann kein Verein funktionieren. 

Hatten wir anfänglich in unserer Euphorie die Biodiversität zu fördern, wohl etwas naiv geglaubt, es reichte überall im Quartier Wildbienenhotels aufzustellen, standen wir dann doch etwas ratlos vor der Tatsache, dass die Hotels auch nach drei Jahren unbenutzt blieben. Wenn, Du Horst, nicht gewesen wärst, würden wir uns wohl noch lange an den leeren Hotels stören. Es war Deine kluge Bemerkung, dass die Bienen möglicherweise nicht recht wissen, wie man in einem Bienenhotel einchecken soll, die uns zur Erkenntnis brachte, dass wir die Wildbienen aktiv ins Hotel bringen müssen. 

Du hast dann auch den Anschub gegeben und uns hinaus geführt in Wälder und Wiesen, um Wildbienen aufzuspüren und deren Larven zurückzubringen, um die Hotels zu bevölkern. Damit ist unsere Mission nun erfolgreich abgeschlossen und wir können uns auf den nächsten Frühling freuen, wenn Bienen aus unseren eigenen Hotels die Blumen in unserem Quartier besuchen.