Der Boxer

May 1st, 2019

Wenn noch einmal einer mit dieser beschissenen Forderung kommt, dann fliegt ihr alle raus. Hast du dir schon mal überlegt, wie viele Stunden Mike als Physiotherapeut arbeiten müsste, wenn er in einer gewöhnlichen Praxis arbeiten würde? Und denkst du, er würde gleich viel abkassieren können? Oder denkst du, Chris’ Fähigkeiten seien unersetzbar? Ich sage dir, jeder einigermassen durchschnittliche Krankenpfleger, kann das Handwerk des Cutman mit den heutigen Techniken ziemlich rasch erlernen. 

Der Einzige, der sein Geld wirklich wert ist, ist Holmes. Immerhin schafft er es immer wieder, mich im Training gezielt auf die Stärken und Schwächen der Gegner vorzubereiten. 

Aber Carol, denkst Du sie würde als Stilberaterin ernst genommen, wenn ich ihr nicht als Plattform dienen würde, auf der sie ihre Ideen umsetzten kann? Denkst Du sie könnte ihre Tage damit verbringen, in Boutiquen cooles Zeug zusammenzukaufen, wenn ich dies nicht finanzieren würde. Hast Du eine Vorstellung, was da an Kohle raus geht? 

Nehmt mich einfach einmal aus dem Spiel, ok? Was macht ihr jetzt? Willst du die anderen, überzeugen, dass sie täglich eine Massage von Mike benötigen? Damit hätte er zwar genug Arbeit, zugegeben. Ich bin mir aber nicht so sicher, was die anderen dafür zu bezahlen bereit wären. Denk das Spiel einen Schritt weiter. Carol würdet ihr also dafür anstellen, euch täglich mit neuen Klamotten einzukleiden? Danke nach, woher soll all diese Kohle kommen?

Nein, ich glaube ihr kapiert nicht, warum hier der Rubel rollt. Warum wohl werden Werbeverträge und Übertragungsrechte so teuer gehandelt? Weil Millionen von Leuten sehen wollen, ob es endlich einem Herausforderer gelingt, mich auf die Bretter zu schicken und mir die Sponsorenverträge abzujagen. Wenn ich nicht regelmässig da draussen in den Ring steigen würde, um mich mit meinen Fäusten gegen all die Konkurrenz durchzusetzen, dann gäbe es keine Entourage, die sich in meinem Schatten gut gehen lassen kann. Du sprichst für alle sagst du? Dann sag allen, dass sie mich mal können. Und du solltest dich fragen, wessen Manager du bist?

Was bin ich?

April 1st, 2019

Im Zug setzt sich jemand neben mich, ich realisiere, es ist ein Schwarzer und ich stelle fest, ich bin Rassist.

Beim Interview werde ich meinem potenziellen Chef vorgestellt, ich realisiere, es ist eine Frau und ich stelle fest, ich bin Sexist.

Mein Verhandlungspartner schnauzt mich an, ich realisiere, es ist ein Deutscher und ich stelle fest, ich bin Xenophob.

Vor mir geht ein Paar, ich realisiere, es sind zwei Schwule und ich stelle fest, ich bin Homophob.

Der Mann vor mir im Auditorium trägt eine Kippa, ich denke, das ist wohl ein Jude und ich stelle fest, ich bin Antisemit.

Ein Auto fährt vorbei, ich realisiere, es ist ein Ferrari und ich frage mich, was bin ich?

Unsere Familie (II)

March 1st, 2019

Dieses Wochenende kommt wieder meine Schwiegermutter zu Besuch. Dabei will sie wie immer die Tradition ihres Mannes weiterführen. Der hatte jeweils, wenn sie bei uns eingeladen waren, zwei speziell ausgewählte Flaschen Wein – passend zum Essen – mitgebracht. Nur hatte meine Schwiegermutter sich nie wirklich für die feinen Unterschiede von Weinen interessiert und stand damit vor einem unlösbaren Problem. Denn ihr Sohn – mein Mann – schlug nach seinem Vater und wusste sehr wohl eine gute Flasche Wein zu schätzen. Ihre grösste Sorge war es daher, dass die mitgebrachte Flasche – heute reicht eine Flasche – ihrem Sohn nicht zusagen könnte. Anfänglich lösten wir das Problem, indem ich ihr – nach Rücksprache mit meinem Mann – einen Vorschlag machte. Als wir dann aber merkten, dass sie so dement geworden war, dass sie sich nicht mehr daran erinnern konnte, wie sie zu ihrer Weinwahl kam, änderten wir die Strategie. Heute kauft mein Mann einen passenden Wein und bringt ihn am Vortag seiner Mutter vorbei.  Wenn sie dann zu uns kommt, hat sie bereits vergessen, wie sie zu diesem Wein kam und ist natürlich immens gespannt darauf wie er wohl ihrem Sohn gefallen würde. Natürlich gibt sich mein Mann jeweils überrascht und lobt die gelungene Wahl des Weines. Das macht meine Schwiegermutter jeweils überglücklich und die Basis für ein entspanntes Mittagessen im Familienkreis gelegt.